Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus

Zeitzeugin Liesel Binzer erzählt aus ihrem Leben
Bürgermeister der Verbandsgemeinde Thilo Becker
Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, Thilo Becker, begrüßt die Besucherinnen und Besucher mit eindringlichen Worten

Im Alter von sechs Jahren wurde Liesel Binzer, geb. Michel, gemeinsam mit ihren Eltern ins KZ Theresienstadt verschleppt. Wie durch ein Wunder, überlebte sie zusammen mit ihren Eltern den Nazi-Terror. Am vergangenen Donnerstag erlebten im Keramikmuseum rund 110 Besucherinnen und Besucher mit der 83-jährigen Zeitzeugin ein Stück lebendige Geschichte und gedachten der sechs Millionen Opfer des Holocaust. Auch in diesem Jahr verlieh Odelia Lazar, selbst Jüdin, gemeinsam mit ihrem Partner Michael Wienecke, der Gedenkveranstaltung mit einprägsamen Texten und gefühlvoller Musik einen würdigen Rahmen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Partnerschaft für Demokratie im Kannenbäckerland, bestehend aus den Verbandsgemeinden Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach sowie der evangelischen Kirche Höhr-Grenzhausen.

Monika Christ, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Höhr-Grenzhausen, begrüßte die Anwesenden und unterstrich “Das Erinnern und das Eintreten für ein gutes Miteinander sind in Höhr-Grenzhausen das gemeinsame Anliege vieler.“ Im Anschluss begrüßte der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, Thilo Becker, die Zuhörerinnen und Zuhörer recht herzlich. Er mahnte in seiner Ansprache mit aller Deutlichkeit „Rassenwahn, Rassismus und industriell geplanten Massenmord darf es nie mehr in Deutschland geben!“ Becker zeigt sich besorgt über die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft. Hass und Hetze werden nicht mehr hinter vorgehaltener Hand formuliert. Gezielte Falschmeldungen stärken Rassismus und verbreiten gezielt Hass. Weiter ermahnt Becker „Wir benötigen einen Konsens darüber, dass Gewalt, Hass, Hetze und Ausgrenzung, egal in welcher Form, grundsätzlich zu verurteilen sind.“ Thilo Becker setzt mit seinen Worten ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen „Wieder einmal sollten wir, nein, wir müssen, müssen wir den Menschen gedenken, die in unfassbarem Leid ermordet wurden. Gedenken wir den Kindern wie damals Liesel Binzer, die den Holocaust überlebt hat. Wir dürfen die Geschichte nicht vergessen, auch wenn es uns schmerzt, uns betroffen macht.“ Mit einem eindringlichen Appell an die Gesellschaft schloss Becker seine Begrüßung „Lassen Sie uns gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus, Rassenwahn und Intoleranz aufstehen. Bleiben wir nicht mehr stumm und leise!“

v.l. Liesel Binzer und Stefan Wolfram
v.l. Liesel Binzer und Stefan Wolfram


Mit Beginn der Erzählungen von Liesel Binzer, geb. Michel, wurde es noch stiller im Raum. Liesel Binzer hat den Holocaust im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt. „War es ein Wunder oder Gottes Fügung?“, fragt sich die heute 83-jährige Jüdin immer noch. Bilder bürgerlicher Wohnzimmer-Idylle ergänzten ihren Vortrag und machten beklommen: Kaum einer der Fotografierten hatte so viel Glück wie Liesel Binzer.

1936 als Liesel Michel in Münster/Westfalen geboren, kann sie ihren Stammbaum als deutsche Jüdin bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Ihr Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich und verlor seine Beine. Lange waren die Michels ganz normale Nachbarn, doch bei der Reichpogromnacht 1938 flogen Steine aus dem braunen Mob in ihre Fenster.


v.l. die Musiker Odelia Lazar und Michael Wienecke, Frau Liesel Binzer sowie Stefan Wolfram
v.l. die Musiker Odelia Lazar und Michael Wienecke, Frau Liesel Binzer sowie Stefan Wolfram


„Wir waren schon vor Theresienstadt verfolgt und ausgegrenzt“, erzählte sie im Keramikmuseum. Gemeinsam mit 90 Glaubensbrüdern und -schwestern wurden die Michels im Münsterer „Judenhaus“ zusammengepfercht. „Ich konnte nicht nach draußen zum Spielen. Mein Vater konnte sich auf Grund seiner Behinderung und dem Rollwagen kaum bewegen.“ Sie zeigt ein Bild des Kellers, in dem die Familie hausen musste. Das Bild ist nach Ende des Krieges entstanden und zeigt einen düsteren, kahlen Kellerraum. Am 31. Juli 1942 wurde die sechsjährige Liesel zusammen mit ihren Eltern in einen Viehwaggon gesteckt. Ziel des Transports: das KZ Theresienstadt.

Das Kind trug im Hochsommer zwei Pullover und drei Mäntel übereinander und protestierte. „Hör zu Liesel, den einen Koffer, den wir mitnehmen dürfen, werden sie uns auch noch abnehmen“, beschied die Mutter das kleine Mädchen. Sie ahnte, wohin die Reise geht. Sie sollte Recht behalten. Die Kleider am Leib und der Rollstuhl des versehrten Vaters waren die einzigen Besitztümer, die den Michels blieben. Im KZ trennten die Wachmannschaften Liesel von ihren Eltern, sie kam ins Kinderheim. Ihre Mutter machte sich durch „kriegswichtige Arbeiten“ unentbehrlich und sicherte damit wahrscheinlich das Überleben ihrer Familie. Denn Behinderte waren meist die Ersten, die Hitlers Schergen umbringen ließen. Jeder Ermordete war aus ihrer Sicht ein unnützer Esser weniger. Die jüdischen Betreuer im Heim versuchten einen Anschein von normalem Leben aufrecht zu erhalten und brachten ihren Schützlingen Lesen, Rechnen und Schreiben bei. Das war bei Strafe verboten. Immer wenn in der behelfsmäßigen Schule das Trampeln der Nazi-Stiefel zu hören war, mussten Liesel und die anderen Kinder die Hefte verstecken und so tun, als würden sie nichts tun.

Die Nazis ließen in Theresienstadt einen Film drehen, der der Welt zeigen sollte: Den internierten Juden geht es gut in Deutschland. Liesel Michel musste als Statistin herhalten: Sie saß vor einem Café, auf dem Tisch stand ein Eisbecher. Der war wie der ganze Film Lug und Trug: „Drinnen war nur heiße Luft!“

Je länger der Krieg dauerte, desto leerer wurde das Kinderheim. Liesel Michel hatte Glück und kam zu ihrer hart arbeitenden Mutter. Die meisten Leidensgenossen wurden nach Auschwitz verschleppt und getötet. „Zum Glück habe ich damals noch nicht begriffen, was mit den anderen Kindern passiert. Man sagte mir, sie sind jetzt an einem Ort, wo es ihnen besser geht. 1,5 Millionen Kinder wurden einzig aus dem Grund, dass sie Juden waren, ermordet“, fasste die alte Frau das Grauen in Zahlen. Erst als russische Soldaten am 8. Mai 1945 Schokolade verteilten, wussten Liesel Michel und ihre Eltern, dass alle Not nun ein Ende hat.

Gleich nach der Befreiung bekam die Neunjährige einen Behelfsausweis. „Damit war ich offiziell wieder am Leben und hatte Anspruch auf die kargen Lebensmittelrationen der Nachkriegsjahre“. Nach der Befreiung lebte die Familie noch rund drei Monate im KZ Theresienstadt. „Wir wussten ja nicht, wohin wir gehen sollten. Unsere Heimatstadt Münster war durch den Krieg schwer zerstört.“ Dorthin kehrte das Mädchen aber dann gemeinsam mit ihren Eltern zurück und sie konnten ein Haus, dass der Großmutter von Liesel Binzer gehört hatte, ausfindig machen. Das Haus war jedoch von Nazis besetzt. „Die hat der Nachkriegs-Bürgermeister dann allesamt herausgeschmissen“. Die lebten weitgehend unbehelligt ihr früheres Leben. Scham oder Reue hat Liesel Michel nicht gespürt – im Gegenteil: Die früheren Bewohner verklagten die jüdische Familie auf Herausgabe der alten und kaputten Möbel. „Viele Nazis aus dem Ort, sogar der „Obernazi“ klingelten immer wieder bei uns und wollten von meiner Mutter einen „Persilschein“. Sie wollten also, dass meine Mutter sie „reinwusch“, ihnen vergab. Meine Mutter hatte sie einen nach dem anderen weggejagt und ihnen gar nichts gegeben.“

Rund 110 Besucherinnen und Besucher haben an der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus mit dem Zeitzeugengespräch mit Frau Liesel Binzer im Keramikmuseum Westerwald teilgenommen


Den Erzählungen über ihr Leben nach dem Krieg und insbesondere über das Gründen einer eigenen Familie mit ihrem späteren Mann David widmete Liesel Binzer einen großen Teil ihrer Erzählungen. Dem Zuhörer wurde schnell klar, dass diese Frau stets gekämpft hat und nicht bereit war, den Nazis ihr Leben zu überlassen. Unter diesem Motto steht auch das Buch, dass Liesel Binzer über ihr Leben geschrieben hat „Ich prägte mein Leben in - wegen - trotz Theresienstadt“

Das Verhältnis zu Deutschland und den Überlebenden des Holocaust beschäftigte die Zuhörerinnen und Zuhörer in der anschließenden Fragerunde ebenso wie die Frage, ob Liesel Binzer Kontakte zu anderen Kindern, die mit ihr in Theresienstadt waren, hat und was sie über den Antisemitismus in der Gesellschaft denkt.

Zum Abschluss der Veranstaltung schloss Pfarrerin Monika Christ mit drei hebräischen Worten „Toda raba – vielen Dank. Und Shalom – Frieden uns allen“.

Am vergangenen Freitag war Liesel Binzer dann auch zu Gast in den Schulen im Kannenbäckerland. In der Erich-Kästner-Realschule plus in Ransbach-Baumbach hörten ihren Erzählung rund 100 Schülerinnen und Schüler zu. Anschließend verfolgte einen ähnliche Anzahl von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums im Kannenbäckerland sowie der Ernst-Barlach-Realschule plus ihren Vortrag im Schulzentrum von Höhr-Grenzhausen.

 

Die Veranstaltungen wurden gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.